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Match: Endlichkeit - Thomas W. Kuhn über Siniša Kandić
Der Duft von Kaffee ist nicht das, was üblicherweise bei der Begegnung mit einem Bild in einer Kunstausstellung zu erwarten ist. Das Werk „Kolo“ von Siniša Kandić ermöglicht die Erfahrung dieser ungewöhnlichen Verbindung visueller und olfaktorischer Reize. Seit 2006 nutzt der Künstler diese Technik für temporäre figurative Wandarbeiten, die oft Vergangenes aufleben lassen. So auch hier, denn das Motiv zeigt den festlichen Tanz eines Reigens in der südslawischen Tradition, des Kolos, auf einem Familienfest der 1970er Jahre in der ehemaligen Republik Jugoslawien. Es handelte sich um eine Hochzeit aus dem familiären Umfeld des Künstlers, die er seinerzeit, entgegen seinem Wunsch, nicht besuchen durfte. Vom Ereignis blieb ihm diese Fotografie überliefert, die er in einen reinen Hell-Dunkel-Kontrast übertrug und vergrößert mit Kaffeepulver auf die Wand projizierte, eine Leerstelle füllte. In den Sinn kommen kann hier ein Motiv aus Marcel Prousts mehrbändigen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, in dem der Geschmack einer in Tee getunkten Madeleine die unwillkürliche Erinnerung an die Kindheit des Erzählers beschwört.
Hier ist es der Duft von Kaffee, der unmittelbar individuelle Assoziationen wecken kann. Dabei hat das spezifische Geschehen aus dem Leben des Künstlers, das er hier zum Anlass nimmt, einen exemplarischen Charakter auch für jede Betrachtung, die von ihm nichts weiß, bis hin zu der Erkenntnis, dass auch Ereignisse auf das einzelne Leben wirksam sind, aus denen man ausgeschlossen ist, sei dies auch nur in Form einer Lücke.
Siniša Kandić verwendet mit Blick auf sein Verständnis von Geschichte, in all ihren Formen, den Begriff des Palimpsests. Das Palimpsest ist ein mehrfach neu beschriebenes Medium, vor allen Dingen für Texte, wie z. B. Wachstafeln, die seit der Antike in Gebrauch waren, aber auch Pergamente, die mangels Papyrus, ihres Ursprungstextes nahezu entledigt und neu beschriftet wurden. Tatsächlich enthalten diese besonderen Schriftträger bei sorgfältiger Betrachtung oft noch ihren Ursprungstext, Zeugnis einer älteren Zeit. Geschichte wird hier ganz konkret zu einer Abfolge von Schichten greifbar, deren Überlieferung nicht notwendigerweise linear ist.
Das Diptychon mit dem Titel „deleuzianisch“ liefert eine anschauliche Entsprechung. Technisch handelt es sich um zwei Glasscheiben derselben Größe, die parallel zueinander im Abstand weniger Zentimeter montiert sind. Der Künstler bezeichnet sie als Vitrinen, ein Terminus, der ihre Räumlichkeit hervorhebt. Das rechte Bild zeigt die Seite 273 aus dem Buch „Logik des Sinns“ von Gilles Deleuze mit weißer Schrift auf der ersten und einer weißen Fläche auf der zweiten Ebene. Bei Tageslicht gut lesbar, ist der Text bei Kunstlicht kaum zu lesen und erfordert dann stetig wechselnde Blickwinkel, um für das Auge einen optischen Kontrast zum Hintergrund zu finden; vergleichbar der Ursprungsschrift eines Palimpsests. Gilles Deleuze war als Philosoph methodisch ein äußerst experimenteller Gesellschaftskritiker. Er war mit seinem Denken eine wesentliche Inspiration für Siniša Kandić, der hier im Titel ein Zitat des Philosophen Michel Foucault aufgreift, der 1970 in einem Aufsatz über Deleuze den Satz formulierte: „Eines Tages wird dieses Jahrhundert vielleicht deleuzianisch sein.“ Eine Prophezeiung, die sich nach Auffassung des Künstlers nicht bewahrheitet hat. Die Textpassage handelt von der kulturellen Symbolik der Kastration und mit diesem Schlagwort ist man versucht, die Vitrine zur linken als eine Spur von Flüssigkeiten zu deuten, die sich nach einer Verwundung aus dem betroffenen Körper heraus auf Flächen verteilen. Das Bild ähnelt den Objektträgern in der Mikroskopie, wird hier aber zur Makroskopie und Zeugnis eines bewusstenmalerischen Kontrollverlustes, formal äußerst ungewöhnlich im allgemein hochpräzisen Werk von Siniša Kandić.
Wieder kontrollierter ist das weiche Fließen der farbigen Bahnen im benachbarten Bild „Pyjama“. Auch dieses Motiv oszilliert zwischen seiner biografischen Spezifik und einer allgemeinen Bedeutung. Vorlage für das Bild war das Oberteil eines Schlafanzugs seines verstorbenen Vaters, mit für das 20. Jahrhundert typischen Längsstreifen. Nach längerer Betrachtung sind die Ansätze der Ärmel und eine Brusttasche zu erkennen. Die Kleidung der Toten ist wie ein Echo ihrer vergangenen Körperlichkeit und repräsentiert die sozialisierte Verfasstheit des Menschen, die bis ins Inti-
me hinein, schon sehr frühzeitig, den eigenen und privaten Körper überformt. Kulturell schwingen darin bis heute auch die Bedeutungen von Ornat, Reliquie und Fetisch mit, die Hierarchien spiegeln und symbolischen Ersatz schaffen, sei dies auch am fehlenden Eigenen.
Auch das Bild „torsoed“ im vorletzten Ausstellungsraum behandelt das Thema des Wechselverhältnisses von Kleidung und Körper. Torsiert ist hier das Muster eines Kleids, das 2013 von einer Person des öffentlichen Lebens während der Zeit ihrer Schwangerschaft getragen wurde und das der Künstler, der sich seit seinem Studium intensiv mit Mustern und grafischen Verfahren der Bildgebung beschäftigt, vom Fernsehbildschirm abfotografierte. Siniša Kandić hat im Anschluss die grüne Grundfläche des Stoffs in grüne Kreise umgedeutet und dann in zwei Schichten zergliedert, die auf die zwei Flächen dieser Vitrine verteilt wurden. Die Verteilung auf zwei Ebenen, zwei miteinan- der verzahnten Bildträgern, schafft eine Räumlichkeit und Plastizität, die real ist.
Das gilt dann auch für das letzte Bild dieser Werkgruppe mit dem Titel „Das Behältnis“. Zu sehen ist in dem Querformat ein in die Bildfläche eingerücktes, orthogonal ausgerichtetes Rechteck mit abgeschrägter Ecke links unten. Die Rückseite dieser weißen Fläche, die zu den Rändern hin leicht abgedunkelt erscheint, ist in einem blassen, leicht fluoreszierenden Gelbton bemalt. Diese Fläche wird von der rückseitigen Glasscheibe reflektiert, die einen immateriell wirkenden gelben Schein, eine Art Aura, ein Schweben erzeugt ohne ein solches zu malen. Erstmals zu sehen ist hier in einem Kabinett derWerkkomplex „Zeitungslektüre“, der seit 2017 entsteht und in einer kleinen Auswahl von 21 Bildern gezeigt wird. Aus verschiedenen Printmedien hat Siniša Kandić gedruckte Reproduktionen von Fotografien ausgewählt, die er aus dem massenmedialen Gebrauch in individuelle Motive, im Sinne Walter Benjamins, mit auratischer Qualität zurückverwandelt, ausgestattet mit einer Patina, die das Alter der
Motive nur schwer erahnen lässt. Der Realitätsbezug ist kaum bestimmbar und hat Eigenschaften von Bildern, die im Traum sichtbar sein könnten. Der Künstler verwendet hier sowohl manuelle wie technische Mittel zur Überarbeitung, die ein archaisches Moment mit einem futuristischen Ele-
ment verschmelzen. Nicht zuletzt bei diesen Werken hilft der Verweis auf die Idee des Palimpsests zum Verständnis der dahinter liegenden Idee, die eine Alternative formuliert zur radikalen Idee der Autorschaft und des Individuums in der Moderne und im Sinne von Gilles Deleuze Kunst und Bild rhizomatisch fortführt.
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